Wer schreibt zuerst? Die ungeschriebenen Regeln im Chat
Grindr, ROMEO und Hinge haben jeweils ihre eigenen Sitten, und kaum jemand spricht sie aus. Ein Versuch, die wichtigsten aufzuschreiben

Es gibt kein offizielles Regelwerk für schwules Online-Dating, und trotzdem hält sich fast jeder an eines. Man lernt es durch Versuch und Irrtum, durch unbeantwortete Nachrichten und Chats, die nach drei Zeilen versanden. Wer seit Jahren auf den Apps unterwegs ist, kennt die meisten dieser Regeln, ohne sie je formuliert zu haben. Hier stehen sie einmal schwarz auf weiß.
Die erste Nachricht
Die Frage, wer zuerst schreibt, ist schnell beantwortet, nämlich der, der Interesse hat. Unter Männern gibt es keine eingeübte Rollenverteilung, die einem die Entscheidung abnimmt. Wer wartet, bis der andere den ersten Schritt macht, wartet oft vergeblich, weil der genau dasselbe tut.
Schwieriger ist die Frage, was man schreibt. „Hey“ ist keine Nachricht, sondern eine Anfrage, ob man eine Nachricht schicken darf. Es funktioniert manchmal, aber es schiebt die ganze Arbeit auf die andere Seite. Besser ist ein Satz, der zeigt, dass du das Profil tatsächlich angesehen hast, etwa ein Bezug auf ein Foto, auf eine Zeile im Text oder auf die Stadt, in der er gerade unterwegs ist. Das muss nicht originell sein, nur konkret.
Dabei hat jede App ihren eigenen Ton. Grindr ist schnell und direkt und oft ziemlich ehrlich darüber, was gesucht wird, ein Austausch über Lieblingsbücher wirkt dort leicht fehl am Platz. ROMEO lässt mehr Raum für Text und für Leute, die erst einmal reden wollen. Hinge ist ohnehin darauf gebaut, dass man auf etwas Bestimmtes im Profil reagiert. Wer die App wechselt, sollte auch den Tonfall wechseln.
Fotos, Torsos und das Gesicht
Das kopflose Torso-Bild ist das bekannteste Genre schwuler Dating-Fotografie und zugleich das meistverfluchte. Es gibt gute Gründe, nicht überall sein Gesicht zu zeigen, etwa den Job, die Familie oder einen Wohnort, an dem nicht jeder alles wissen muss. Wer so unterwegs ist, sollte aber nicht erwarten, dass ihm Profile mit Gesicht hinterherschreiben. Die faire Lösung ist simpel. Wer kein Gesicht zeigt, schickt es auf Nachfrage, und zwar früh im Gespräch.
Für Fotos gilt ganz allgemein, dass aktuell besser ist als schmeichelhaft. Das Bild von vor sechs Jahren fällt spätestens beim ersten Treffen auf. Und wer explizite Bilder schicken will, fragt vorher. Auf manchen Apps ist der Ton offener als auf anderen, aber ungefragt bleibt ungefragt.
Online, aber keine Antwort
Der grüne Punkt ist eine zwiespältige Erfindung. Du siehst, dass er online ist, manchmal sogar, dass er deine Nachricht gelesen hat, und es passiert nichts. Die naheliegende Deutung ist, dass er kein Interesse hat. Die realistischere ist, dass er gerade mit mehreren Leuten gleichzeitig schreibt, in der Bahn sitzt oder die App nur offen hat, weil er vergessen hat, sie zu schließen.
Hier hilft eine Regel, die vor allem deine Nerven schützt. Eine Nachricht, vielleicht eine zweite nach ein paar Tagen, dann ist Schluss. Wer dreimal nachhakt, ohne Antwort zu bekommen, hat seine Antwort bekommen.
Ghosting ist die größere Variante desselben Problems, und hier lohnt sich etwas Ehrlichkeit mit sich selbst. Fast jeder beklagt sich darüber, und fast jeder hat es selbst schon getan. Nach zwei Nachrichten wortlos zu verschwinden ist nicht elegant, aber üblich. Nach einem Date abzutauchen ist etwas anderes. Ein kurzes „War schön, dich kennenzulernen, aber ich sehe da nichts“ kostet wenig und erspart dem anderen eine Woche Rätselraten.
Wann aus dem Chat ein Date wird
Viele vielversprechende Chats scheitern am Chat selbst. Man schreibt, findet sich sympathisch, schreibt weiter, und irgendwann hat man sich alles erzählt, was man bei einem ersten Treffen hätte erzählen können. Die Spannung ist verbraucht, bevor man sich gesehen hat.
Eine brauchbare Faustregel lautet deshalb, nach ein paar Tagen guter Unterhaltung ein Treffen vorzuschlagen. Konkret, mit Ort und ungefährer Zeit, nicht als „wir sollten mal“. Ein Kaffee oder ein Drink reicht völlig, kurz genug, dass sich keiner gefangen fühlt, wenn es nicht passt. Wer darauf ausweichend reagiert, hat vielleicht andere Pläne mit der App als du, und das ist eine Information, die du lieber früher als später hast.


