Der richtige Therapeut: Wenn du nicht erst dein Leben erklären willst
In der Therapie willst du über dich reden, nicht Grundbegriffe erklären. Wie du in Deutschland, Österreich und der Schweiz jemanden findest, der mitkommt

Du sitzt zum ersten Mal in diesem Sessel, wegen der Trennung, wegen des Schlafs, wegen dieser Schwere, die seit dem Frühjahr nicht mehr weggeht, und nach zwanzig Minuten hast du vor allem erklärt. Dass dein Partner ein Mann ist. Dass eure Beziehung offen ist und genau das nicht das Problem. Dass ein Grindr-Profil nicht automatisch ein Symptom ist. Dein Gegenüber nickt freundlich und schreibt mit, und am Ende der Stunde hast du Aufklärungsarbeit geleistet statt Therapie bekommen.
Das heißt nicht, dass nur ein schwuler Therapeut infrage kommt. Viele heterosexuelle Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten sehr gut mit schwulen Klienten, und umgekehrt ist ein schwuler Therapeut keine Garantie, dass es passt. Worauf es ankommt, ist Wissen darüber, wie schwule Männer leben und lieben, und eine Haltung, in der das Hintergrund bleibt, solange du es nicht selbst zum Thema machst.
Der Weg über die Kasse in Deutschland
Der offizielle Einstieg ist die psychotherapeutische Sprechstunde. Sie ist Kassenleistung, eine Überweisung brauchst du nicht, die Versichertenkarte reicht. Dort wird geklärt, ob und welche Behandlung sinnvoll ist, und du bekommst nebenbei einen ersten Eindruck davon, wie dieser Mensch arbeitet. Vor dem eigentlichen Antrag folgen probatorische Sitzungen, also Probestunden, in denen beide Seiten prüfen, ob die Zusammenarbeit trägt. Das Kennenlernen ist im System ausdrücklich vorgesehen.
Wer selbst keinen Termin findet, und in vielen Städten ist das keine Seltenheit, wendet sich an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung, telefonisch unter 116117 oder online. Sie vermittelt einen Sprechstundentermin, allerdings dort, wo gerade etwas frei ist, nicht bei deinem Wunschkandidaten. Das bringt dich ins System, aber nicht gezielt zu jemandem mit queerer Erfahrung. Such deshalb parallel selbst. Viele Praxen nennen auf ihrer Website Schwerpunkte, und wer dort sexuelle Identität oder queere Klienten erwähnt, hat sich meist etwas dabei gedacht.
Findet sich auf diesem Weg über längere Zeit kein Platz, gibt es das Kostenerstattungsverfahren, bei dem die Kasse unter bestimmten Voraussetzungen eine Behandlung in einer Privatpraxis bezahlt. Das braucht einen Antrag und etwas Ausdauer, frag am besten direkt bei deiner Kasse nach. Bist du privat versichert, schau in deinen Tarif, die Regeln unterscheiden sich dort stark.
Österreich, die Schweiz und die Szene vor Ort
In Österreich gibt es kassenfinanzierte Psychotherapie ebenfalls, die voll bezahlten Plätze sind aber knapp und oft mit Wartezeit verbunden. Viele gehen deshalb zu Wahltherapeuten, zahlen die Stunde zunächst selbst und bekommen von der Kasse einen Zuschuss zurück. Wie hoch der ausfällt, klärst du am besten vor der ersten Stunde.
In der Schweiz übernimmt die Grundversicherung psychologische Psychotherapie, wenn ein Arzt sie anordnet, meist der Hausarzt. Franchise und Selbstbehalt gelten wie bei anderen Leistungen auch. Der erste Schritt ist dort also ein ehrliches Gespräch in der Hausarztpraxis.
In allen drei Ländern gibt es in den größeren Städten queere oder queersensible Beratungsstellen, oft von Vereinen aus der Community getragen. Langzeittherapie bieten sie selten an, aber sie kennen die Praxen vor Ort und wissen, wo schwule Männer gut aufgehoben sind. Unterschätzt wird der eigene Freundeskreis. Eine Empfehlung von jemandem, der dort selbst gesessen hat, ist mehr wert als jedes Verzeichnis.
Wenn es akut ist, wartest du nicht auf einen Therapieplatz. Dann sind die Notaufnahme, der Notruf 112 oder die Telefonseelsorge die richtigen Stellen, in Deutschland unter 0800 111 0 111, in Österreich unter 142, in der Schweiz als Dargebotene Hand unter 143.
Das Erstgespräch ist auch dein Test
Viele gehen in die erste Stunde wie in ein Vorstellungsgespräch, bei dem sie sich bewerben. Dabei prüfst du genauso. Du darfst fragen, ob dein Gegenüber Erfahrung mit schwulen Klienten hat, wie vertraut ihm offene Beziehungen oder ein spätes Coming-out sind und nach welchem Verfahren er arbeitet, etwa verhaltenstherapeutisch oder tiefenpsychologisch. Wer solche Fragen als Misstrauen versteht, hat dir damit schon eine brauchbare Antwort gegeben. Aufschlussreich sind oft Kleinigkeiten, etwa ob nachgehakt wird, wenn du von deinem Mann erzählst, oder ob das einfach stehen bleibt, so wie es bei jedem anderen stehen bliebe.
Und wenn es nicht passt, darfst du wechseln. Das fühlt sich für viele unhöflich an, als würde man jemanden abservieren. Es ist aber schlicht vernünftig, denn ein guter Teil dessen, was Therapie bewirkt, hängt an der Beziehung zwischen den beiden Menschen im Raum. Die Probestunden sind genau dafür da, und auch später ist ein Wechsel möglich, mit etwas Papierkram. Wer nach drei Stunden immer noch erklärt statt erzählt, sitzt vermutlich im falschen Sessel.


