Allein reisen ab 35 ist kein Plan B
Ein Tisch für eine Person, ein Zimmer ohne Kompromisse. Warum Solo-Reisen als schwuler Mann gerade ab Mitte dreißig aufgeht

Der Gruppenchat heißt seit März „Porto?!“, und das Fragezeichen hat sich bis in den Oktober gehalten. Einer kann nur im Juni, einer nur ohne Flug, einer hat inzwischen einen Freund, der auch mitwill. Irgendwann zwischen der dritten Terminumfrage und dem nächsten Daumen-hoch fragst du dich, worauf du eigentlich wartest.
Mit Mitte zwanzig sah Urlaub für viele von uns anders aus: die Clique, ein Apartment zu sechst, eine Pride-Woche mit Programm. Wer allein fuhr, tat das, weil gerade keiner mitkam, und hoffte, dass es niemandem auffällt. Mit Mitte dreißig hat sich die Rechnung gedreht. Du weißt, was dir guttut, du kommst mit dir selbst aus, und die eine gute Woche im Jahr willst du nicht mehr nach dem Geschmack von fünf anderen planen. Allein heißt dann, um sieben Uhr am Hafen zu sitzen, weil dir danach ist, und um drei noch im Museum, weil außer dir niemand Hunger hat.
Die richtige Stadt für den Anfang
Die wichtigste Entscheidung fällt vor der Buchung. Für die erste Solo-Reise taugt eine Stadt meist besser als ein Strandort, weil sie dich auch an Tagen beschäftigt, an denen du niemanden kennenlernst. Märkte, Museen und Viertel, die man sich zu Fuß erschließt, füllen einen Tag fast von selbst. Ein Ort, der nur vom Nachtleben lebt, ist zu zweit ein Abenteuer und allein spätestens am dritten Abend etwas trostlos.
Genauso wichtig ist, wie entspannt eine Stadt mit schwulen Männern umgeht, und zwar nicht nur im Szeneviertel. In Amsterdam, Kopenhagen oder Barcelona bist du in der Regel einfach ein Tourist unter vielen und musst dir nicht überlegen, wie du an der Hotelrezeption oder in der Bar auftrittst. Anderswo ist die Lage komplizierter, und allein hast du niemanden neben dir, der die Stimmung mitliest. Zehn Minuten mit den aktuellen Reisehinweisen und ein paar Erfahrungsberichten aus der Community sind vor der Buchung gut investiert.
Sicher, ohne paranoid zu werden
Die Grundregeln sind banal, deshalb vergisst man sie. Jemand zu Hause weiß, wo du schläfst, das Handy ist abends geladen, und nachts nimmst du in einer fremden Stadt lieber ein Taxi als die Abkürzung durch ein Viertel, das auf der Karte harmlos aussah.
Für Dates aus der App gilt unterwegs dasselbe wie zu Hause, nur etwas strenger, denn du kennst weder die Gegend noch die Gepflogenheiten. Das erste Treffen findet in einer Bar oder einem Café statt, nicht gleich in deiner Unterkunft, und ein paar Nachrichten mehr vorab sind keine Unhöflichkeit. Den Drink behältst du im Blick, wie in Köln oder Wien auch.
Der Tisch für eine Person
Allein essen ist für viele die eigentliche Hürde. Mittags geht es noch, abends klingt „Für eine Person, bitte“ plötzlich größer, als es ist. Dabei schaut in einem vollen Restaurant kaum jemand genauer hin, und wer es doch tut, hat es beim nächsten Gang vergessen.
Am leichtesten geht es am Tresen. Dort sitzt du neben anderen statt gegenüber einem leeren Stuhl, und das Personal hat eher Zeit für eine Empfehlung. Tapasbars, Weinbars und Lokale mit offener Küche sind dafür wie gemacht. Ein Buch darf mit, das Handy auch. Lässt du beides einmal in der Tasche, merkst du, wie viel man von einem Abend mitbekommt, wenn man nicht so tut, als sei man beschäftigt.
Allein heißt ansprechbar
Kontakte entstehen unterwegs leichter als gedacht, gerade weil niemand neben dir sitzt. Ein Paar wirkt geschlossen, ein Mann allein am Tresen wirkt offen. In einer fremden Stadt zeigen dir Grindr oder ROMEO schnell, wer in der Nähe ist, und nicht jeder, der einem Touristen schreibt, will nur das eine. Manchmal bleibt es bei einem Tipp für eine Bar, die in keinem Reiseführer steht, manchmal wird ein Kaffee daraus mit jemandem, der seine Stadt gern herzeigt.
Wer es weniger digital mag, bucht eine Stadtführung. In vielen Großstädten gibt es Rundgänge zur queeren Geschichte des Ortes, dazu die üblichen Walking Tours, bei denen du am Ende zahlst, was dir die zwei Stunden wert waren. Zwei Stunden mit einer Handvoll Fremder reichen manchmal schon für eine Verabredung zum Abendessen.
Das ist der Teil, den dir vorher keiner verrät. Zu zweit hättest du den Mann am Nebentisch, der fragt, ob der Platz neben dir noch frei ist, wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Allein bist du derjenige, der Ja sagen kann.


